Ober­bay­ern

Jodeln - der Gipfel des Sangesglücks

Es gibt unzählige Arten, mit denen ein Jodler beginnen kann. Bei einem Jodelkurs in Oberbayern wird aber schnell klar: Die Silbe „Ho“ kommt schon recht oft vor.

Bilder: Philipp Guelland, Thomas Kujat, Alpenwelt Karwendel/Kriner & Weiermann Bernhard Huber BayTM, Hansi Heckmair

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ie Runde an diesem Nachmittag auf einer Alm hoch überm Oberland ist bunt gemischt. Laiensänger sind dabei, Profis auch, dazu eine ganze Reihe neugieriger „Erstlinge“. Allen gemeinsam ist, dass sie einer Sangeskunst nahekommen wollen, die eine lange Geschichte hat und die nicht im Studienplan von Akademien steht.

Anita Biebl teilt die Freude am Jodeln mit allen, die ihrer Stimme Freiheit geben wollen.

Jo­deln war einst das Han­dy der Berg­welt

Entstanden in der rauen Bergwelt als Mittel zur Kommunikation über Kluften und Schluchten hinweg, hat sich das Jodeln aus der praktischen Anwendung heraus im Lauf der Zeit zu einem gemeinschaftlichen Vergnügen auf Hütten und Almen entwickelt. Wo kein Radio lief und kein Fernseher, wo es kein Telefon gab und keinen Plattenspieler, da haben sich die Leute zusammengesetzt und miteinander gesungen. Vierstimmig und bei jeder Wiederholung einen Halbton höher – bis es nicht mehr gelangt hat.

Volksliedersammler haben das Jodeln in Oberbayern verbreitet

Der Silbengesang hat es allen leichtgemacht, keiner musste sich einen Text merken. Oft wurde ein letzter, sinniger Satz angefügt. Sozusagen, um einen Strich unter das Gesungene zu machen. „Halt oder i schiaß di zam“ zum Beispiel. Oder „Wohl auf der Alm“. Oder auch nur ein beherztes „Alm!“. Immer wieder, von Anlass zu Anlass, von Ort zu Ort, von Urheber zu Urheber sind neue Melodien entstanden. Sie gingen mit jedem Beteiligten auf Wanderschaft und bereicherten das Programm auf der nächsten Hütte.

Wo man Jodeln lernen kann

Das Angebot ist vielfältig, was Orte, Gestaltung und Termine angeht. Die im Artikel zitierten Jodellehrerinnen und -lehrer bieten allgemeine Kurse an, genauso wie Privat- oder Firmenveranstaltungen. Sie sind hier zu finden:


Anita Biebl www.anitabiebl.com


Horst Biewald www.jodeln-am-chiemsee.de


Alfons Hasenknopf www.alfons-hasenknopf.de

In Ober­bay­ern ha­ben Jod­ler be­son­ders durch die Tä­tig­keit von Volks­lied­samm­lern wie Kiem Pau­li und Wastl Fan­derl au­ßer­dem Ein­zug in das Re­per­toire vie­ler Ge­sangs­grup­pen ge­fun­den. Bei Kon­zer­ten oder ei­nem Wirts­haus­sin­gen fällt die An­nä­he­rung leicht, zu­erst mit den Oh­ren, dann beim Mi­t­sum­men, viel­leicht so­gar beim Mit­sin­gen. Denn, um ein Vor­ur­teil aus­zu­räu­men: Jo­deln ist kei­ne So­l­over­an­stal­tung, son­dern stets ge­mein­sa­mes Mu­si­zie­ren. Die be­kann­ten En­sem­bles im „Drei’g­sang“ oder „Vier’g­sang“ ste­hen bei­spiel­haft da­für.

Auf das Echo kommt es an

Es ist dies eine le­ben­di­ge Tra­di­ti­on, die sich bis heu­te ge­hal­ten hat. Vor al­lem Ber­ges­hö­hen oder Gip­fel gel­ten als pri­vi­le­gier­te Orte fürs Jo­deln. Über­all, wo ein Weg oder eine Seil­bahn hin­auf­führt, ist den Sän­ge­rin­nen und Sän­gern eine Büh­ne be­rei­tet – also prak­tisch fast über­all in Ober­bay­ern. Was we­gen der Akus­tik und der Wei­te der Welt dort oben auch zu­trifft. Den­noch öff­nen Jo­del­pro­fis wie Ani­ta Biebl aus Über­see im Chiem­gau groß­zü­gig den Klang­raum. „Et­was un­ter­halb vom Gip­fel stört der Wind we­ni­ger, ge­gen­über ei­ner Fels­wand habe ich das schö­ne­re Echo“, merkt sie an. Das fin­de sich aber auch an man­cher Stel­le im Wald. Tun­nels hät­ten eben­falls ih­ren Re­so­nanz­charme und „in der Stadt die Park­häu­ser“, fügt sie la­chend hin­zu. „Bei mir pas­siert das im­mer wie­der, dass ich dort durch­ge­he und spon­tan ei­nen Jod­ler raus­haue, weil’s so in­ten­siv klingt.“ Flug­hä­fen oder Bahn­hofs­hal­len kä­men auch in Be­tracht, aber da müs­se man eher mit un­er­wünsch­ten Echos rech­nen.

Homdio ria hoi,ria ho homdieria hoi ria ho ...

Jo­deln er­mög­licht Zu­gang zu den Ge­füh­len

Dass in der deutschen Sprache die „Stimmung“ von der „Stimme“ abgeleitet ist, beweist aus ihrer Sicht auch die emotionale Wirkung des Jodelns. „Wenn ich beim Jodeln meine Stimme bewege – und das ist sehr intensiv, mit den kraftvollen Tönen –, geschehen unglaubliche Dinge mit der eigenen Stimmung.“ Eine Sicht, die Horst Biewald aus Bernau teilt, der es auf den Punkt bringt: „Beim Singen – und damit auch beim Jodeln – liegt die Seele auf dem Tisch. Da werden die Menschen durchsichtig, auch für sich selbst“, weiß der Musiker und Jodellehrer aus vielen Jahren Erfahrung.

Leich­ter Ein­stieg für An­fän­ger

Da ist der Schritt nicht groß dorthin, wo die Wurzeln dafür liegen, dass man das Jodeln auch die „Mantras der Alpen“ nennt. Authentische Jodler, erklärt Biebl, „sind kurz und leben von der Wiederholung“. Damit wächst die Vertrautheit mit Tonfolgen, was es Sangeslaien und Anfängern leichter macht, sich hineinzufinden und sich mit den Melodien treiben zu lassen. Nur wer sich dem „Leistungssport“ des Koloratur-Jodelns zuwende, komme um professionelle Stimmbildung und dauerhaftes Üben nicht herum. „Davon ist aber bei dem Jodeln, das ich den Menschen nahebringe, um ihre Lebensfreude zu steigern, nicht die Rede.“

Alfons Hasenknopf hat übers Jodeln in seine musikalische Heimat zurückgefunden – und teilt sie nun mit anderen.

Was letzt­lich die in der Sze­ne ver­brei­te­te Be­haup­tung un­ter­mau­ert: „Jo­deln lernt man leich­ter als Sin­gen.“ Je­der, der ei­nen ge­sun­den Stimmap­pa­rat habe, er­klärt Horst Bie­wald, „kann ein Wort oder eine Sil­be mit ei­nem Ton un­ter­le­gen – und schon singt er.“ Sei­ne Kur­se baut er ent­spre­chend lo­cker und un­kom­pli­ziert auf, dass er die Teil­neh­men­den über­ra­schen kann: „Die ha­ben schon ge­jo­delt, be­vor sie’s mer­ken.“ Das hilft Vor­be­hal­te zu über­win­den. Men­schen, die glau­ben, sie könn­ten nicht sin­gen, sei­en ge­fan­gen in un­an­ge­neh­men Er­fah­run­gen, vor al­lem im Un­ter­richt einst. Sie wür­den sich des­halb nicht trau­en, es mal zu ver­su­chen. „Das ist wie bei an­de­ren Si­tua­tio­nen im Le­ben auch: Die Scheu vor Kri­tik oder die Angst vor et­was Neu­em brem­sen vie­le aus, ver­hin­dern, dass sie sich aus dem Ge­wohn­ten be­frei­en und sich selbst ver­trau­en. Oder ih­rem hand­werk­li­chen Ta­lent. Oder ih­rer Fä­hig­keit, Auf­ga­ben auch mal un­kon­ven­tio­nell an­zu­ge­hen. Beim Jo­deln, die­ser ab­so­lut frei­en Ent­fal­tung, gibt es kei­ne sol­chen Gren­zen und dar­um schon bei der ers­ten Be­geg­nung ganz über­ra­schen­de Ent­wick­lun­gen.“ Wes­halb sei­ne Kur­se gern auch für Fir­me­nevents oder fürs Team­buil­ding ge­bucht wer­den, bei de­nen die­se Ef­fek­te ge­fragt sind.

Hops do da rodjoi di djo i ridjo i

Lau­ne steigt, Mü­dig­keit schwin­det

War­um nun aus­ge­rech­net das Jo­deln eine sol­che Wir­kung ent­fal­tet? Bie­wald ver­weist auf Er­kennt­nis­se von Hirn­for­schern wie Ge­rald Hüt­her, „dass es sich mit Spaß leich­ter lernt – und Jo­deln ist der rei­ne Spaß“. Was nicht auch da­mit zu­sam­men­hän­ge, dass sich das Jo­deln über vie­le, aber klei­ne Lern­schrit­te er­ler­nen las­se und sich da­mit auch schnel­ler Er­folgs­er­leb­nis­se ein­stel­len. Wes­halb er auch dazu rät, nach dem Ein­stieg über ei­nen Kurs stän­dig mit dem Jo­deln wei­ter­zu­ma­chen. „Beim Au­to­fah­ren ist’s be­son­ders gut, weil man dort ei­nen gu­ten Mo­ni­tor­sound hat, für den man auf der Büh­ne viel Geld aus­ge­ben müss­te“, sagt er. „Aber auch die Lau­ne steigt, die Mü­dig­keit schwin­det und die Angst wird ver­trie­ben. Lau­ter Ef­fek­te, die ge­fragt sind, wenn man eine Auf­ga­be mit Zu­ver­sicht lö­sen will.“ 

Wo wann wer jodelt

Der Kalender des ZeMuLi, des Zentrums für Volksmusik, Literatur und Popularmusik des Bezirks Oberbayern, ist reich an Terminen, bei denen Jodeln auf dem Programm steht. Dort werden auch Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene sowie fürs Chorjodeln angeboten.

Bei Fir­me­nevents habe er be­ob­ach­tet, dass Men­schen, die sonst nur rou­ti­niert zu­sam­men­ar­bei­ten, auf ein­mal sich auf ei­ner ein­fa­chen, un­kom­pli­zier­ten Ebe­ne be­geg­nen und eine neue Di­men­si­on des Zu­sam­men­seins fin­den. „Vor al­lem ei­nes ist da­bei wert­voll: Es gibt kei­nen Wett­be­werb, kei­ne Kon­kur­renz­si­tua­ti­on.

Ob­acht – Jo­deln kann süch­tig ma­chen

Wer an­de­re zum Jo­deln ein­lädt, tut gut dar­an, vor­her nicht zu vie­le Wor­te über das be­vor­ste­hen­de Er­leb­nis zu ver­lie­ren. Da­durch wür­den die Vor­ur­tei­le erst gar nicht hoch­ko­chen, die bei man­chen in Sa­chen „volks­tüm­li­cher Mu­sik“ vor­han­den sei­en, meint Al­fons Ha­sen­knopf, der eben­falls seit vie­len Jah­ren Jo­del­kur­se an­bie­tet. Umso grö­ßer aber sei dann die Chan­ce, die ech­ten Ge­füh­le wach­zu­ru­fen, die sich mit dem Jo­deln äu­ßern las­sen. „Die Leut’ sind dann of­fe­ner und las­sen ih­rer Stim­me frei­en Lauf“, sagt er und weist auf die Ei­gen­dy­na­mik hin, die sich dar­aus er­gibt: „Das wird dann im­mer mach­ti­ger. Dann sorgt das Mit­ein­an­der da­für, dass die Leu­te auf­ma­chen. Dann san’s an’­kom­men, dann san’s glück­lich.“Das führt so weit, er­zählt er von ei­ner über­wäl­tig­ten Kurs­teil­neh­me­rin, dass sie ihn am nächs­ten Tag fast ohne Stim­me an­ge­ru­fen habe: „Al­fons, i hab’ die gan­ze Nacht g’jo­delt. I wollt’ nim­mer auf­hör’n, so schee war’s.“ Er er­in­nert sich da­bei an die Zeit, als er selbst nach Aus­flü­gen in die un­ter­schied­lichs­ten Mu­sik­sti­le wie­der in die Mund­art zu­rück­keh­ren woll­te – und beim „Ho­am­kam­ma“-Jod­ler den Weg dort­hin ge­fun­den und nicht mehr ver­las­sen hat. Sei­ne jüngs­te Kom­po­si­ti­on, der „Roots-Jod­ler“, be­dient sich in der Rock­mu­sik und wur­zelt in der hei­mi­schen Stimm­kul­tur.

Dra he djo dra he djo dra heholdjo holla ria da …“

Horst Biewald findet mit seinen Jodelkursen die Wege und Orte, auf denen Stimme und Stimmung zusammenfinden.

Tat­säch­lich „was fürs Le­ben“

Selbst Lo­ri­ots Per­si­fla­ge auf das Jo­del­di­plom se­hen Pro­fis wie Ani­ta Biebl dif­fe­ren­ziert. Jen­seits al­ler Gau­di, Schlau­ber­ge­rei und Pro­fi­lie­rung habe man von ei­nem Jo­del­kurs tat­säch­lich was fürs Le­ben. Wenn es auch we­ni­ger die Ur­kun­de an der Wand ist, wie sie auch alle er­hal­ten, die an ih­ren Kur­sen teil­neh­men. Son­dern die Be­rei­che­rung um eine Aus­drucks­form, die viel Platz für die ei­ge­ne Per­sön­lich­keit gebe. „Wer sich ein­mal fürs Jo­deln ge­öff­net und die Wir­kung ver­spürt hat, sieht mit ganz an­de­ren Au­gen auf ein sol­ches Di­plom“, sagt sie. „Sie se­hen es dann als Do­ku­ment der Wert­schät­zung da­für, dass sie sich aus ih­rer Kom­fort­zo­ne ge­traut ha­ben.“ Wo­mit sie sich dann ganz auf der Spur der „Ge­hei­mat­or­te“ be­we­gen, von de­nen Ober­bay­ern nicht nur ein Lied sin­gen kann, son­dern un­end­lich vie­le.

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